
Mein erstes Jahr als Bloggerin und dann auch noch mein erster Jahresrückblick 2021. Dieses Jahr ist wirklich einiges bei mir passiert, vieles davon mit lebensverändernder Kraft. Gerade befinde ich mich in einem Zwischenraum. Ich musste aus meinem alten Leben ausbrechen, da es mich unglücklich gemacht hat. Ich lecke mir noch die Wunden und versuche langsam, aber ganz vorsichtig an meine Zukunft und mein neues Leben zu denken. 2021 steht für mich für ein Jahr, in dem ich zurückblickte und Geschehenes aus dem Jahr zuvor verarbeitet habe. Und gleichzeitig, vor allem in der zweiten Hälfte von 2021, steht es für den Blick in eine hoffentlich bessere Zukunft.
2021 musste ich so viele unangenehme Entscheidungen treffen, dass das Leben im Moment sehr oft sehr schmerzhaft für mich war, deswegen die Blicke zurück und in die Zukunft – wissend, dass es mir 2020 noch schlechter ging und darauf vertrauend, dass ich mit dem Heilen angefangen habe und 2022 mir wieder mehr Lebensfreude bescheren wird. In dem Sinne: Hier ist mein Rückblick auf 2021!
Inhalte des Blogartikels
Meine Ziele für 2021 und was aus ihnen geworden ist
Für 2021 habe ich mir nicht wirklich bewusst irgendwelche Ziele vorgenommen, aber wenn ich jetzt meinen Blick nach hinten richte, habe ich auf jeden Fall vieles umgesetzt, denn ich habe mein Leben grundlegend verändert:
- Ich habe mich selbstständig gemacht
- Ich habe Paris verlassen
- Ich schreibe viel mehr
- Ich habe ein Fernstudium für Journalismus angefangen
- Ich habe meine eigene Homepage gebastelt
- Ich habe mit dem Bloggen angefangen
Gibt es ein Leben vor dem Tod?
Ausgebrannt
Eigentlich sollte es bei einem Jahresrückblick 2021
ausschließlich um das Jahr 2021 gehen. Aber mein Zeitempfinden verhält sich momentan
nicht in diesen linearen Strukturen. Alles, was mir 2021 passiert ist, geht auf
einen Moment – das ist nicht ganz das richtige Wort, denn der Moment erstreckte
sich über mehrere Wochen und trotzdem passt für mich gerade nur dieses Wort – zurück:
Ende September 2020 wurde ich mit einem Burn-out krankgeschrieben.
Im Mai davor wurde das Redaktionsteam, in dem ich damals in Paris tätig war, fast auf die Hälfte der Mitarbeiter:innen reduziert. Von einem Tag auf den nächsten mussten mein Kollege und ich mehr als doppelt so viel Arbeit wie zuvor stemmen – und schon vor diesem Zeitpunkt war die Arbeitslast für mich mit zu viel Stress und Leistungsdruck verbunden. Erbrachte ich diese Arbeit – und dafür gab ich stets alles, das verlangte der eingeimpfte kapitalistische Ehrgeiz in mir, auch, wenn ich das damals nicht wusste – wurde noch mehr von mir verlangt.
Ich gab alles und noch mehr, bis da nichts mehr war – ausgebrannt. Als es passierte, arbeitete ich im Haus meiner Eltern in Kassel vom Homeoffice aus. Daher musste ich meinen Pariser Hausarzt, bis vor wenigen Wochen habe ich nämlich in Paris gelebt, online aufsuchen. Seit drei Jahren konsultierte ich seine Arztpraxis mindestens dreimal jährlich im Winter, da meine Mandeln sich schnell und gerne entzünden (mein ursprünglicher Plan, sie mir endlich rausnehmen zu lassen, wurde leider von Corona durchkreuzt). Er gab mir deutlich zu verstehen, dass er sich a) weder an mich erinnerte (und das, obwohl ich mich mit meinem deutschen Akzent im Französischen deutlich von seinen restlichen Patient:innen unterschied) noch b) mir glaubte, dass ich wirklich einen Burn-out hatte. Aber vielleicht war das auch nur in meinem Kopf.

Er schrieb mich für den Rest der Woche krank, – es war Mittwoch Mittag. Ich hatte den Morgen über noch gearbeitet, da mein Team ab diesem Tag zurückkam und ich davon ausging, dass es jetzt leichter werden würde. Da war mein Kollege schon seit einer Woche mit Burn-out krankgeschrieben – und zwar
für ganze drei Monate!
Ich hatte also zweieinhalb Tage und ein Wochenende Zeit, um mich von folgendem zu erholen:
- Ich konnte nicht mehr schlafen. Ich schlief zwar ein, aber jede Nacht wurde ich zwischen 4 und 5 wach und konnte, wenn ich Glück hatte, erst/ schon nach einer Stunde wieder einschlafen, manchmal auch erst 10 Minuten bevor mein Wecker klingelte. Meine Rekord-Nacht liegt bei 5 wachen Nachtstunden und circa 20 geschlafenen Minuten, bevor ich aufgab und aufstand.
- Jede wache Sekunde konnte ich nur an die auf mich wartende Arbeit denken und bei diesen Gedanken wurde mir stets so schlecht, dass es mich wunderte, dass ich mich nicht non-stop übergeben musste.
- Wir benutzten an der Arbeit Google-Analytics und ich machte mich von diesen Zahlen abhängig. Sanken sie in die Tiefen, war mein Tag schon um 9 Uhr morgens gelaufen. Stiegen sie auf ungeahnte Höhen, gab es einen kurzen Belohnungsrausch.
- Davon, dass ich seit mehreren Jahren nichts mehr spürte und mich selbst nur noch als funktionierende Maschine wahrnahm, die ihre Wochenenden und Ferien nutzte, um tagelang im Bett zu liegen und mich in die fiktionale Welt irgendwelcher Serien zu flüchten. Das Einzige, was mir zumindest den Eindruck vorspielte, dass ich selbst noch Emotionen empfinden konnte. Für Bücher hatte ich keine Kraft (jemand, der mich gut kennt, kann spätestens jetzt etwas besser begreifen, wie es mir ging!)
- Ich hatte, ich weiß gar nicht, wie ich es nennen soll, immer wieder leichte Halluzinationen. Aus den Augen glaubte ich zu beobachten, wie Kulis und andere kleine Gegenstände zu Boden fielen. Drehte ich mich dann um, um sie aufzuheben, lagen sie bewegungslos an ihrem ursprünglichen Platz.
- Ich konnte schon an Montagen nur an den nächsten Montag denken. Es gab quasi kein Wochenende mehr für mich, stattdessen war jeder Tag ein Montag. Ich fing an, Sonntage zu hassen, denn eigentlich war der Tag morgens schon rum und es war wieder ein Wochenende rum, an dem ich nicht geschlafen und nicht gelebt hatte. Montage wurden zum absoluten Horrorszenario für mich.
Am darauffolgenden Montag buchte ich mir ein erneutes Rendez-vous bei meinem Arzt, der mir auf Nachfrage davon abriet, mir psychiatrische Hilfe zu suchen. Das würde mein Arbeitgeber erfahren. Dieses Mal schrieb er mich eine Woche lang krank. In dieser Woche endete mein Sommer in Kassel (meine Heimatstadt) und ich kehrte mit dem Zug nach Paris zurück. Immer noch voller Panik, an die Arbeit zurückkehren zu müssen.

Statt Stress abzubauen, führten die kurzen Krankschreibungen dazu, dass ich zusätzlichen Druck verspürte. Ich konnte nur noch daran denken, dass ich an die Arbeit würde zurückkehren müssen, wenn mein Arzt die Krankschreibung nicht noch mal verlängern würde. Ich weiß nicht, wie ich dieses Gefühl, das absolut nichts mit Faulheit zu tun hat, jemanden erklären soll, der/ die niemals in einer mentalen Krise gesteckt hat.
Mein Job hat mir viel Freude gemacht, auch wenn er sehr stressig war, liebte ich meine Tätigkeit und vor allem mein Team. Es ist nicht einfach so, dass ich nicht mehr zur Arbeit wollte, ich konnte nicht mehr. Ich konnte nicht wieder im ewig gleichen Hamsterrad landen. Der Gedanke an die Arbeit blockierte mich derartig, dass ich in eine Art Schockstarre verfiel und mich manchmal minutenlang nicht bewegen konnte. Einfach nur aufzustehen und in ein anderes Zimmer zu gehen, wurde zum Kampf. Ich fühlte mich wie gelähmt und wollte mich einfach nur noch in meinem Bett verkriechen und heulen. Doch nicht mal das
ging, denn die Tränen kamen einfach nicht. Seit Monaten brannten sie mir unter den Augenlidern, doch meine Augen blieben wie ausgetrocknet.
Dazu kamen dann noch die Vorwürfe, die ich mir stellvertretend für meinen Arbeitgeber und die Gesellschaft selbst machte, da das kapitalistische und neoliberale Arbeitsethos auch in mich eingehämmert wurde.
Hinzu kam dann noch das bittere Gefühl des Versagens. Die Hoffnungslosigkeit, dass mein eigener Arzt mir nicht glaubte, jetzt aber in meinen Dokumenten drinstand, dass ich ein Burn-out hatte. Vor dieser Episode in meinem Leben hatte ich keine Ahnung gehabt, dass ich mich gleichzeitig dermaßen panisch
fühlen konnte, sodass mein Körper ständig unter Strom stand und ich dabei aber kein einziges Gefühl spürte. Da war nur Leere in mir.
Meine Ärzt:innen-Odyssee
Ich kehrte ein drittes Mal zu meinem Hausarzt zurück. Aus irgendeinem Grund hatte ich ihm die letzten drei Jahre mein Vertrauen geschenkt und ich fühlte mich verpflichtet, ihm treu zu bleiben und ihn davon zu überzeugen, dass es mir wirklich schlecht ging. Ich kann nicht sagen, warum. In gewisser Hinsicht musste ich auch mich selbst überzeugen. Mein Mantra lautete damals: „Du bist erst 31! Du kannst doch nicht mit 31 schon ein Burn-out haben, du hast gerade mal vier Jahre gearbeitet, wie soll das die nächsten vierzig Jahre werden?“
Ja, es ging mir dreckig. Seit mehreren Jahren, – um ehrlich zu sein, seitdem ich in Paris angefangen hatte zu arbeiten, – fühlte ich mich in meinem Leben gefangen. Das ist nichts, was frau sich gerne eingesteht – gerade in einer Stadt wie Paris, von der alle immer annehmen, es sei ein Traum, dort zu leben. Von wegen Traum, es ist eine verdammte Idiotie, sich das freiwillig selbst anzutun, – an anderer Stelle mehr dazu!

Ich kehrte also zu besagtem Arzt zurück. Ich dachte, wenn ich ihm erst mal leibhaftig gegenübersitzen würde, würde er meine Not erkennen und mich länger als nur eine Woche krankschreiben. Ich sollte schnell herausfinden, dass ich mich irrte. Sein absolutes Maximum lag bei zwei Wochen! (Er verdiente ja auch mit jedem weiteren Besuch von mir daran.)
Ich verbrachte sie im Bett und starrte an die Wand. Nach den zwei Wochen entschied ich mich dafür, mir einen anderen Arzt zu suchen. Ich fand einen, zu dem ich nur fünfzehn Minuten hinlaufen musste – seit zwei Wochen verließ ich zum ersten Mal wieder die Wohnung.
Dort angekommen, musste ich mit Stoffmaske im Gesicht (damals waren die nämlich noch ok) und auf Französisch (ich spreche gutes Französisch, aber nicht, wenn ich aufgeregt bin) gleich zwei Dinge erklären: Warum ich ein Burn-out hatte und warum ich meinen Arzt wechseln wollte. Doch bevor ich auch nur ein Wort gesagt hatte, griff der weißhaarige Mann, der mir hier gegenüber saß, nach einer Eieruhr und stellte sie auf fünfzehn Minuten ein.
Während das Ticken mich immer nervöser machte, stotterte ich vor mich hin. Ich endete mit der Aussage, dass ich normalerweise ein sehr optimistischer und freudiger Mensch sei und ich mich gegenwärtig nicht mehr wie mich selbst anfühlen würde.
„Aber Sie wirken auf mich sehr fröhlich“, war die Antwort von dem Arzt, der kurz vor seiner Rente zu stehen schien. Er schrieb mich zwei Wochen krank. Sagte, dass auch Balzac Deadlines gehabt habe und empfahl mir ein Buch: „Das ist schön feministisch, werden Sie sehen!“
Besagter Moment war gekommen. Ich kehrte nach Hause zurück, setzte mich in unserem 37m2 kleinen Appartement vors Fenster auf den Boden und heulte. Meine ersten Tränen seit Jahren, – um genau zu sein, seitdem ich die Neuigkeit erhalten hatte, dass mein Dad an Krebs erkrankt ist. So fand mich mein damaliger Lebenspartner noch vor, als er Stunden später von der Arbeit nach Hause kam: Auf dem Boden sitzend und ohne ein Geräusch von mir zu geben, vor mich hin heulend.

Es war das erste Mal, dass er wirklich begriff, dass mit mir etwas nicht stimmte. Er empfahl mir, seine Mutter anzurufen, die Schulmedizinerin ist. Ihr gegenüber fiel es mir leichter, mich auf Französisch auszudrücken. Ich kannte sie seit sechs Jahren und sie war an meine Aussprache gewöhnt. Sie riet mir sofort dazu, mir einen neuen Arzt oder eine Ärztin zu suchen, der/ die auch Deutsch verstand. Und auch dazu, mir psychologische Hilfe zu holen.
Ich fand einen deutschsprachigen Arzt. Ich musste 45 Minuten mit dem RER zu ihm hinfahren, aber das war es wert. Er schrieb mich für zwei Monate krank und stellte mir Anfang 2021 eine Bescheinigung zur Wiedereingliederung an die Arbeit aus. Im Februar kehrte ich halbtags an die Arbeit zurück. Ich hatte das Burn-out noch nicht ganz überstanden, aber in mir war ein Gedanke herangereift, der mir Mut machte: Ich wollte mich selbstständig machen und so aus dem Hamsterrad ausbrechen.
Find me!
Becoming my own Boss Bitch
Gleich in meiner ersten Woche zurück an der Arbeit, teilte ich meinem Chef meinen Plan mit. Ich schlug ihm vor, als externe Mitarbeiterin (in der Firma wurde seit jeher mit Externen zusammengearbeitet) weiterhin Artikel für mein Team zu schreiben. Er schien nicht abgeneigt und eine Woche später sagte er zu. Wenige Tage darauf reichte ich unter Herzklopfen meine Kündigung ein und erhielt wiederum wenige Tage daraufhin meinen ersten Vertrag als externe Mitarbeiterin.
Der Schritt in die Selbstständigkeit schien mir die einzig logische Konsequenz, die mein Burn-out für mich zuließ. Ich hatte seit meinem Studium davon geträumt, hatte einen Batzen Geld dafür zur Seite gelegt und jetzt auch den für mich schmerzhaften Beweis erbracht, dass ich für die „normale Arbeitswelt“ nicht gemacht war.
Hätte ich schon früher auf das Drängen in mir gehört, hätte ich mir eine der bisher schmerzhaftesten Erfahrungen meines Lebens sparen können, – jedenfalls vielleicht. So oder so, am 3. Mai 2021 war mein erster offizieller Tag als Selbstständige. Anfang Juni feierte ich meine Selbstständigkeit mit einem selbstgebackten Bananenkuchen und einem Post davon auf meinem privaten Insta-Account.


Auf der ewigen Suche nach den richtigen Worten
Das Schreiben ist schon immer wichtig für mich gewesen. Es hilft mir dabei, zu mir zurückzufinden. Ob in Form von Tagebuch, Gedichten oder Geschichten. Das Schreiben hilft mir dabei, über mich selbst nachzudenken, meine Gedanken zu ordnen und das Gedankenkarussell, wenn auch nicht immer zum Stillstand zu bringen, so doch wenigstens langsamer werden zu lassen.

Tatsächlich hat das Schreiben 2021 eine sehr große und wichtige Rolle in meinem Leben gespielt, – privat als auch beruflich:
- Ich habe mich dazu entschieden, wie man früher so schön sagte, „von meiner Feder zu leben“
- Ich habe mein erstes Buch zu Ende geschrieben
- Ich habe ein Fernstudium in Journalismus an der Freien Journalisten Schule begonnen
- Meine Tagebucheinträge der letzten Jahre führten mir deutlicher als alles andere vor Augen, dass ich in meiner Beziehung nicht glücklich war
- Mein erstes Gedicht wurde von der Brentano-Gesellschaft veröffentlicht
- Ich habe mit dem Bloggen angefangen
Ich will meine Stimme finden
Die Idee zu Bloggen schwebte mir mindestens so lange vor wie die Idee zur Selbstständigkeit. Als ich im Februar anfing, mir mit WordPress und ohne Vorkenntnisse meine eigene Homepage zusammenzubauen, gab es von Anfang an eine Page für meinen Blog. Glücklicherweise hatte ich einen veröffentlichten
Text, den ich mit Zustimmung der Herausgeberin vom Q5-Blog, Petra J. Schaberger, online stellte: meinen Prosatext „Dieser Brief“. So fing ich nicht mit einem leeren Blog an.
Doch es gab zu diesem Zeitpunkt in meinem Leben einfach zu viel anderes zu tun. Es sollt einige Monate dauern, bis ich mich wieder meinem Blog würde widmen können. Den Antrieb gab eine Werbeschaltung auf Facebook von einer gewissen Judith Peters für einen Online-Kurs mit dem spannenden Namen
Rapid Blog Flow.
Schnell stellte sich heraus, dass ich hier auf eine Goldgrube gestoßen war. Nicht nur, dass Judith aka Sympatexter bereitwillig ihr hart erarbeitetes Blog-Wissen mit mir und vielen weiteren teilte, um die Blogszene ein wenig weiblicher werden zu lassen: Das Bloggen in einer Gruppe war eine Erfahrung der anderen Art – einer ganz besonderen Art!
Auch wenn ich keine einzige der anderen Teilnehmerinnen persönlich, – also von Angesicht zu Angesicht – kennenlernte, gab es mir ein Gefühl von Gemeinschaft und auch Sicherheit, diesen Weg gemeinsam zu gehen.
Jetzt beim Jahresrückblick hat sich dieses Gefühl sogar noch intensiviert.
Im Januar habe ich in mein Tagebuch geschrieben: „Ich will meine Stimme finden.“ Das Bloggen ist für mich zu einer Möglichkeit geworden, genau das zu tun. Meinen allerersten Post auf meinem Business-Insta-Account verfasste ich im Rahmen von Rapid Blog Flow. Bei dem Post wurde ich schon deutlich mutiger, als in meinem Tagebuch. Ich wollte nicht mehr nur meine Stimme finden, ich wollte mein „feministisches Frühlingserwachen“, wie ich es nenne, „in die Welt hinausschreien“.
Mein feministisches Frühlingserwachen
Was genau ich darunter verstehe? Als ich im Februar halbtags an die Arbeit zurückkehrte, kristallisierte sich nach und nach ein neuer Tagesablauf heraus. Statt stundenlang die Wand anzustarren, kam langsam die Aufregung darüber, bald den Schritt in die Selbstständigkeit zu wagen. Endlich verspürte ich wieder Energie und Antrieb, – auch wenn ich mich häufig noch dazu zwingen musste, diese Energie in Bewegung zu setzen. Ich fing an, meine Homepage zu basteln und suchte danach, als was ich mich selbstständig machen wollte und was meine Themen sein würden. Um zu erklären, wie ich zu meiner
Antwort kam, muss ich kurz ausholen.
Seit etwa zwei Jahren bezog ich ein Abo von dem österreichischen und feministischen Magazin „An.schläge“. Vor lauter Arbeit war ich nie dazu gekommen, auch nur ein einziges der Hefte mal zur Gänze
durchzulesen. Das sollte sich jetzt ändern. Jeden Tag nach getaner Arbeit und dem Mittagessen ging ich zu einem kleinen Park, der in etwa 20 Minuten von unserem Appartement entfernt lag. Auf dem Weg dorthin hörte ich meinen neuen Lieblingspodcast „Telling everybody everything“ meiner absoluten Lieblings-Comedy-Queen Katherine Ryan. Mit nicht wenigen ihrer Lebensweisheiten sorgt sie bei mir
regelmäßig für Aha-Momente und hat mir bei wichtigen Lebensentscheidungen
geholfen.
Im Park abgekommen, suchte ich mir dann ein sonniges Plätzchen – der letzte März war besonders mild in Paris – und begann, meine feministischen Zeitschriften durchzulesen. So begann mein feministisches
Frühlingserwachen. Ich informierte mich im Netz, las immer mehr zu dem Thema und fand weitere feministische Podcasts wie „Darf sie das?“ von Nicole Schöndorfer und „Große Töchter“ von Beatrice Frasl.

In einer Rede habe ich einst in Anspielung auf Simone de Beauvoir gesagt: „Ich bin nicht als Feministin zur Welt gekommen.“ Und das stimmt. Ich habe mir das erarbeitet. Es reicht nicht aus zu begreifen, dass es ein gewaltiger Unterschied ist, als Mann oder Frau*/ weiblich gelesene Person durch diese Welt zu gehen. Zuerst muss man begreifen und überhaupt in Erfahrung bringen, dass wir das System, indem wir leben, hinterfragen müssen. Es tut weh einzusehen, dass die Demokratie, in der wir leben, nicht funktioniert. Noch schmerzhafter wurde es, als ich mir bewusst machte, woran es lag: Wir leben in einem kapitalistisch geprägten Patriarchat. Bevor ich mir durch meine feministische Weiterbildung bewusst gemacht habe, was das wirklich bedeutet, habe ich schon immer intuitiv wahrgenommen, dass es Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern gibt – natürlich wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass es mehr als nur binäre Geschlechtlichkeit gibt. Ich denke, dass es vielen so geht, dass sie eine Ungerechtigkeit wahrnehmen, sie aber nicht wirklich den Finger drauflegen können.
Es tat auch weh, herauszufinden, wie es sein kann, dass fast alle meine Freundinnen und ich, als wir klein waren, sagten, wir wollten lieber Jungs sein, weil die so viel mehr durften als wir. Warum wir Mädchen als
Jugendliche anfingen, uns gegenseitig zu versichern, dass wir lieber mit den Jungs abhingen, da Mädchen so zickig seien und immer lästern würden. Und wie es sein konnte, dass ich von jedem neuen Jungen, jeden neuen Mann, den ich kennenlernte, einfach annahm, dass er klüger als ich sei.
Zu merken, dass das System, indem wir leben, von Sexismus, Misogynie, Rassismus und Homophobie durchzogen ist, ist wahrlich kein Zuckerschlecken. Sicherlich, wir alle haben das spätestens seit #metoo und #blacklivesmatter schon mal gehört, aber es ist etwas ganz anderes, da zum ersten Mal
durchzusteigen und das System auch wirklich zu erkennen – im eigenen Leben, im Alltag von Freund:innen oder Kolleg:innen. Und wenn man dann checkt, dass an allem das jahrtausendealte Patriarchat schuld ist.
Doch schwenken wir einmal zum Thema Kapitalismus rüber. Der kapitalistische Wettbewerbsgedanke war auch in meiner Kindheit und Jugend vorherrschend: Immer die besten Noten in der Schule schreiben, – was ich nicht tat, weswegen ich mich selbst runtermachte und davon ausging, dass ich dumm war. Jedes Wochenende zu Schwimmwettkämpfen fahren, – wo mir auf dem Startblock stehend jedes Mal bei der Vorstellung schlecht wurde, ich könnte zu früh springen. Dann würden alle noch mal aus dem Wasser rauskommen müssen. Oder noch schlimmer! Ich könnte zu spät starten und so wichtige Sekunden im Wasser verlieren, was meine Niederlage bedeuten würde.
Man merkt es aus meinen Schilderungen: Ich bin noch nie gut mit Druck klargekommen. Irgendwann akzeptierte ich in der Schule einfach, dass ich Mathe niemals begreifen würde und versuchte bei den Klassenarbeiten nicht einmal mehr ernsthaft zu rechnen. Mein Herz raste sonst einfach zu schnell und mein ganzer Körper wurde taub. Hätte ich doch damals schon gewusst, dass es so etwas wie den kapitalistischen Wettbewerbsgedanken gibt. Ich hätte verstanden, dass es nicht in der menschlichen Natur liegt, immer die Nummer eins sein zu wollen, alle anderen abzuhängen, statt einander gegenseitig zu helfen.

Und vor allem, dass man sich da auch rausnehmen kann. Man muss das Spiel nicht mitspielen. Natürlich ist das allein schon deswegen nicht sehr leicht, da wir alle Geld zum Überleben brauchen, aber es gibt alternative Lebensform, es gibt die potenzielle Möglichkeit eines Systemwechsels und vor allem hilft es mir schon, einfach zu wissen, dass ich nicht immer die Beste bei allem sein muss. Ich muss es sogar niemals sein, davon geht die Welt nicht unter.
Anstatt mir bei einer Frau, die die erste Frau in ihrem Feld ist, zu denken: „Mist, das hättest du sein sollen“, denke ich mir heute: „Wie kann es sein, dass es erst 2021 werden musste, damit eine Frau in diese
Position vordringen konnte.“ Und wie unglaublich dramatisch es ist, dass sie es nur an die Spitze geschafft hat, indem sie das kapitalistische Spielchen mitgespielt hat.
Der Kapitalismus hat wirklich viel in meinem Leben verbockt, seinen bisherigen Höhepunkt hat das in meinem Burn-out letztes Jahr gefunden. Apropos Burn-out: Es ist zum verdrießlichen Volkssport geworden, alles was in unserem Leben schiefläuft und uns aus der Bahn wirft, vielleicht sogar traumatisiert,
im Nachhinein mit dem Satz „Es hat mich da hingebracht, wo ich heute stehe“ zu relativieren.
Nein, es ist nicht ok, in einem System zu leben, das dazu führt, dass Rückenschmerzen, Depressionen und Burn-outs zur Volkskrankheit werden. Ich weiß nicht, wie oft ich diesen Satz schon gelesen habe, mittlerweile ringt er in meinen Ohren gefährlich abgedroschen, aber er hat trotzdem an Bedeutung nichts verloren: Wir brauchen endlich ein System, in dem der Profit nicht vor dem Menschen kommt!

Und trotzdem, ohne meinen Schmerz kleiner zu machen, als er war, und mir selbst diese unglaublich überwältigende und ohnmächtig machende Erfahrung abzusprechen: Auch wenn ich nicht froh bin, ein Burn-out gehabt zu haben, ich bin froh, ihn überstanden zu haben. Zu sehen, dass ich die Stärke
besitze, das durchzustehen. Und ja, ich habe tatsächlich einiges aus dieser schweren Zeit gelernt, auch wenn ich da noch viel an mir arbeiten muss. Aber immerhin weißt ich jetzt, wo die Baustellen sind und habe im Jahr 2021 auch schon damit angefangen, sie umzusetzen:
- Ich muss mich öfters an erste Stelle setzen. Besonders für Frauen ist das nach wie vor nicht selbstverständlich, gelten wir doch gleich als egoistisch und karrieregeil. Nicht selten wird uns sogar unsere Weiblichkeit dann abgesprochen.
- Genauso, wie ich lernen muss, mich öfters an erste Stelle zu setzen, muss ich lernen, meine Grenzen aufzuzeigen. Ob im Beruflichen oder im Privaten, bei Freundschaften oder in der Liebe. Vor allem in der Arbeitswelt kümmert sich niemand anderes um deine Gesundheit. Es zählt nur was du leistest und, wenn du einmal eine bestimmte Leistung erbracht hast, wie du diese noch überbieten kannst.
- Ich habe genauso schmerzhaft gelernt, dass frau ihren Partner oder ihre Partnerin nicht heilen kann, – egal um welche Wunden es geht. Jeder Mensch kann das nur für sich selbst tun. Allerdings kann ich meinen Support anbieten, doch ich muss aufpassen, dass ich beides nicht durcheinanderbringe.
- Wie so viele Menschen (vor allem diskriminierte Personen) bin auch ich vom Impostor-Syndrom geplagt. Es war ein wichtiger Schritt in diesem Jahr, mich selbst als Autorin zu bezeichnen, obwohl ich bisher noch kein einziges Buch veröffentlicht habe. Dafür habe ich eines geschrieben und zwei Texte von mir sind veröffentlicht. Das ist nicht viel,
aber es ist ein Beginn. - Ich habe zum ersten Mal gecheckt, welche konkreten Auswirkungen Kapitalismus und Patriarchat auf mich haben. Das darf ich nie wieder vergessen und vor allem muss ich dagegen ankämpfen, ohne dabei erneut auszubrennen. Choose your battles!
Und vor alle musste ich mir eingestehen: „Du musst dein Leben ändern“.
Du musst dein Leben ändern!
Das Leben im Matriarchat
Das Burn-out hatte mir auf ziemlich schmerzhafte Weise vor Augen geführt, dass ich mein Leben ändern musste. In mir schwante eine böse Vorahnung, dass sich diese Lebensänderung nicht nur auf meinen Beruf bezog, sonst hätte der Schritt in die Selbstständigkeit völlig ausgereicht. Aber ich wusste, ohne es mir eingestehen zu wollen, dass sich diese notwendige Änderung auf mein ganzes Leben bezog.
Ich wollte nicht länger in Paris leben und nicht länger in einer Beziehung sein, in der ich mich von meinem Partner nicht unterstützt und priorisiert fühlte. Es gab Momente in den circa zwei Jahren vor meinem
Burn-out, in denen ich mich bei dem Gedanken erwischte, dass ich nicht nur Paris, sondern auch meinen Partner verlassen wollte. Immer wieder schob ich diesen Gedanken zur Seite und sagte zu mir selbst: „Du bist noch nicht so weit.“
Zu diesem Zeitpunkt hatte ich in meinem Leben nur mit einer einzigen Person Schluss gemacht und das Erlebnis hatte mich dermaßen mitgenommen, dass ich mich danach darauf verlegte, in einer Beziehung zu einer unerträglichen Person zu werden, wenn ich aus der Beziehung herauswollte. Was stets
funktionierte.
Doch dieses Mal klappte es irgendwie nicht. Mein Partner wollte mich nicht loslassen und ich sah außerdem ein, dass es nicht die schönste Art gewesen wäre, so siebeneinhalb gemeinsame Jahre zu beenden. Also beschloss ich, mir professionelle Hilfe zu suchen. Natürlich ging ich nicht nur deswegen zu einer Psychologin, sondern auch, da das Burn-out meine Lebenswelt erschüttert hatte und es mir
mental wirklich nicht gut ging.

Bei meiner Psy und mir konnte es von vorneherein nur schiefgehen. Für sie lebten wir im Matriarchat. Frauen hielten im Geheimen die Fäden in Händen und zogen an den Strippen. Hatte ich irgendwas verpasst? Meine Lebenswelt sah so aus, dass nach wie vor alte weiße Cis-Männer die wichtigsten
Machtpositionen innehaben und das Weltgeschehen bestimmen, auch wenn sich hier und da eine Frau hin verirrt hatte – immer unter bereits erwähnter Voraussetzung, dass sie das patriarchale Spielchen mitspielte. Vom Matriarchat weit und breit nichts zu sehen. Und um das auch noch mal ganz ausdrücklich hier zu schreiben: Das Matriarchat ist nicht die richtige Antwort auf das Patriarchat. Es kann eine Orientierung sein, vor allem auch, um das Patriarchat hinter uns zu lassen.
Während meine Psy also im Matriarchat lebte, lebe ich mit dem Rest der Welt im kapitalistischen Patriarchat. Doch konnte es wirklich meine Aufgabe sein, dass meiner Psy beizubringen? Eigentlich nicht, schließlich suchte ich bei ihr nach professionellem Rat, um mein Leben zu bewältigen.
Andererseits würden wir sonst nie auf einen gemeinsamen Nenner kommen, da sie es nicht verstand, wenn ich versuchte, ihr zu erklären, dass ich als Mädchen keineswegs lieber ein Junge sein wollte, weil ich auch einen Penis wollte, sondern weil ich schon als Mädchen spürte, dass mir gewisse Grenzen und Verantwortungen aufgesetzt wurden, die Jungs nicht bekamen. Ja, Jungen wird anderes abverlangt. Höchst problematische (und das auf mehreren Ebenen) Sprüche wie „Ein Indianer kennt keinen Schmerz“ oder „Männer heulen nicht“ sorgen dafür, dass viele Männer nicht lernen, richtig mit ihren Gefühlen umzugehen. Was sie sogar so sehr schädigt, dass sie sich nicht bis ungenügend um ihre (mentale) Gesundheit kümmern. Das erklärt übrigens, warum ausgerechnet Frauen im Patriarchat länger leben.
Aber Männer haben sich diese Suppe vor Jahrtausenden selbst eingebrockt und könnten uns Feminist:innen dabei helfen, das System grundlegend zu ändern – natürlich tun das auch schon sehr viele – wie zum Beispiel die HeForShe Alliance. Aber viele Männer steuern dieser Entwicklung auch entgegen und wollen Frauen wieder in die Küche und zu den Kindern verbannen.

Mir wurde als Mädchen mitgegeben immer schön nett, brav und recht hübsch zu sein. Von klein auf kriegen wir eingetrichtert, dass Männer Probleme haben und Frauen ihnen dabei helfen müssen, diese zu lösen. Natürlich haben viele Männer in der Kindheit und auch später traumatische Erfahrungen gemacht. Frauen und Mädchen/ weibliche gelesene Personen und Non-binäre Personen aber auch.
Und Frauen und Mädchen wurde eben nicht mitgegeben, diese Traumata zu behandeln, – dafür gibt es ausgebildete Fachleute (mit der Ausnahme von jenen, die im Matriarchat leben). Diese Erkenntnis verhalf mir dabei, einige Probleme in meiner damaligen Beziehung zu verstehen und auch zu begreifen, dass
es nicht meine Verantwortung war, meinen Partner zu heilen.
Ich war auch nicht dafür verantwortlich, dass er sich mir öffnete und mit mir über seine und auch unsere Probleme sprach. Das war seine Verantwortung. Als ich meiner Psy ganz stolz diese Erkenntnis mitteilte,
erschreckte mich ihre Antwort dermaßen, dass ich die Entscheidung traf, meine Therapie bei ihr zu beenden:
„Doch es ist ihre Verantwortung. Ihr Freund hat sie ja ausgesucht, weil sie diese Eigenschaft des Kümmerns und des Bemutterns mit sich bringen. Sie können ihm das jetzt nicht einfach entziehen!“
Ja, muss ich dazu noch was sagen? Außer vielleicht, dass ich die Negativität, mit der das Wort „Bemuttern“ belegt ist, höchst problematisch finde.
Meine Psy hatte mir bei vielen Erkenntnissen über mich selbst geholfen und hatte meinen Selbstreflexionsprozess wieder zum Anlaufen gebracht. Ich hatte dank ihr verstanden, dass ich die Macht, die ich meinen Arbeitgeber in Hand legte, ihm auch wieder entziehen konnte, indem ich eben
nicht in meiner Freizeit ununterbrochen an die Arbeit dachte.
Sie führte mir die unschöne Tatsache vor Augen, dass ich vielleicht nicht nicht in die kapitalistische Arbeitswelt passte, sondern dass ich vielleicht auch einfach zu konform war und mich deswegen hatte ausbeuten lassen. Allerdings glaube ich immer noch, dass ich nicht dafür gemacht bin, fünfmal die Woche zu fixen Zeiten ins Büro zu gehen und meinen Urlaub immer schön beantragen zu müssen. Ich hätte sonst vielleicht auch nie nach einer Alternative gesucht …
Eine besonders schöne Sache, die sie mir mitgegeben hat, geschah, als ich darüber sprach, wie sehr es mir zusetzte, nicht nur nichts zu fühlen, sondern auch keine Lebensfreude mehr zu spüren. Dieses Gefühl „Wow, ich bin am Leben“, hatte ich in meiner Studie-Zeit das letzte Mal empfunden.

Was mir meine Psy mit auf den Weg gab, war eine simple Frage: Wann ich denn Lebensfreude empfinden würde. In der Sitzung war ich mit der Frage noch etwas überfordert, aber als ich zu Hause angekommen war, schrieb ich die folgende Liste in mein Tagebuch:
- Wenn ein neuer Lebensabschnitt vor mir liegt und er langsam feste Züge annimmt
- Besonders intensive Gespräche mit Freund:innen
- Kultur erleben, allein ins Theater oder Kino gehen
- Stundenlang in einem Café sitzen und schreiben
- Reisen, neue Städte und Leute kennenlernen
- Bis zur Ekstase Tanzen
- Sex und Liebesabenteuer
- Ein richtig gutes Buch (wobei ich da immer das Gefühl bekomme, in einer anderen Welt zu leben)
- Nach Kassel zu fahren, um meine Familie und meine Freund:innen wiederzusehen
- Wenn ich mit meinem Outfit besonders zufrieden bin und ich mich wohl in meinem Körper fühle
- Wenn ich mich begehrt fühle (das Patriarchat lässt grüßen!)
- Durchtanzte und/ oder durchzechte Nächte mit Freund:innen und auch mit Fremden
- Wenn ich aufs Meer blicke
- Wenn ich nach einer langen Zeit zum ersten Mal im Meer schwimmen gehe
- Wenn ich im Meer schwimme
- Einfach alles mit Meer
- Ein besonders leckeres und gelungenes Essen
- Neues in einer altbekannten Stadt entdecken
- Yoga und Joggen
- Meine Musik hören
- Wenn ich so sehr lachen muss, dass ich nicht mehr aufhören kann, obwohl alle mich schon anschauen
- Achterbahn fahren
- Wenn ich Schmetterlinge im Bauch habe
Wenn ich eine wichtige Erkenntnis aus meiner Zeit mit meiner Psy mit mir genommen habe, dann, dass ich niemandem das „an sich selbst Arbeiten“ abnehmen kann, dass ich es aber auch von niemand anderem erwarten kann, meine Arbeit für mich zu übernehmen. Meine Psy riet mir davon ab, meinen damaligen Lebenspartner zu verlassen, da ich es später bereuen würde, da ich durch das Burn-out noch sehr instabil sei.
Das Resultat? Ich versuchte weitere vier Monate an einer Beziehung festzuhalten, in der ich mich komplett allein gelassen fühlte. Bis dieser Moment kam, an dem mir ein Satz in die Erinnerung sprang: „Du musst dein Leben ändern.“ Dieser Satz prangte vor über einem Jahrzehnt auf einem Button des Staatstheater Kassels und führte mir mit damals jungen 19 Jahren vor Augen, dass ich mit meinem damaligen Leben unzufrieden war. Ich drohte in meiner damaligen Beziehung und in Kassel zu ersticken.
Über ein Jahrzehnt später kam mir dieser Satz von Rilke plötzlich wieder in den Sinn. Ich wollte heulen ob der frappierenden Bedeutung,
die für mich hinter diesem Satz im gegenwärtigen Moment steckte. Aber ich konnte ja nicht weinen. Ich lag gefühllos auf dem Boden eines Zimmers, in dem ich die letzten Wochen des mittlerweile dritten Lockdowns in Frankreich untergekommen war. Es war das Jugendzimmer meines damaligen Freundes im Hause seiner Eltern. Ich war dieses Mal dem Lockdown – oder auch confinement, wie es auf französisch heißt – aus Paris entflohen, da ich mental in keiner stabilen Lage war und die 37m2 Wohnung, die ich mit meinem heutigen Ex-Partner bis vor Kurzem noch teilte, mir nicht erst seit Corona einfach zu klein geworden war.
Jetzt lag ich hier also gefühllos auf dem Boden, dachte an diesen Satz und daran, was er für mich bedeutete: Ich wollte Paris und den Mann, der die letzten siebeneinhalb Jahre an meiner Seite gewesen war, verlassen … Ich kam mir so undankbar vor. Seine Eltern hatten mich die letzten Wochen liebevoll aufgepäppelt und halfen mir dabei, durch die bisher schwerste Zeit in meinem Leben zu gehen. Und ich plante, ihrem Sohn das Herz zu brechen.

Und trotzdem fühlte ich bei diesem Gedanken nichts in mir. Nichts! Da war einfach keine Emotion mehr in mir übrig. Die letzten vier Jahre hatte ich nur noch wie ein Roboter funktioniert. Das sollte 2021 anders werden! Mehr verlangte ich gar nicht von dem neuen Jahr, das in zwei Wochen beginnen würde. Ich wollte einfach nur wieder fühlen und Freude am Leben haben! Doch dafür musste ich mich erst verabschieden …
Au Revoir, Paris
Statt Stress abzubauen, führten die kurzen Krankschreibungen dazu, dass ich zusätzlichen Druck verspürte. Ich konnte nur noch daran denken, dass ich an die Arbeit würde zurückkehren müssen, wenn mein Arzt die Krankschreibung nicht noch mal verlängern würde. Ich weiß nicht, wie ich dieses Gefühl, das absolut nichts mit Faulheit zu tun hat, jemanden erklären soll, der/ die niemals in einer mentalen Krise gesteckt hat. Doch der Großteil von 2021 würde vergehen, ohne dass ich diesen Schritt wagte. Stattdessen gab es viele großartige Momente: meine Selbstständigkeit, neue Freund:innenschaften, die Wiedereröffnung der Cafés in Paris und das damit verbundene Wiedersehen vieler Freund:innen, meine erste Pride, der letzte ausgeschriebene Satz meines ersten Buches, mein erster richtiger
Blogbeitrag, das Theaterfestival in Avignon, Grillabende, neue Lebensabschnitte meiner Freund:innen usw.
Außerdem war da noch die Tatsache, dass meine Gefühle zu mir zurückkehrten. Ich meine sogar den exakten Zeitpunkt benennen zu können, als ich meine Gefühle wieder zuließ. Beim Yin-Yoga, bei einer Hüftöffner-Übung. Ich hatte schon öfters meine Yogalehrerin sagen hören, dass bei Hüftöffnern die
Emotionen sich freie Bahnen brechen können. Wirklich daran geglaubt hatte ich nicht, bis ich plötzlich in meiner 37m2 Wohnung mit angewinkeltem Bein in der Taubenposition lag und ich von einer Sekunde zur nächsten laut los schluchzte.
Meine Lehrerin hatte gerade etwas in der Art gesagt, wie, lasst euren Gefühlen freien Lauf, wenn ihr gerade eine geliebte Person verloren habt, vielleicht verlassen wurdet oder ihr dabei seid, jemanden zu verlassen.
Zwei Jahre hatte ich darum gekämpft, Paris zu verlassen, – ich hatte nicht gewusst, dass ich auch darum kämpfte, meinen Freund zu verlassen. Warum ich die Stadt der Lichter unbedingt verlassen wollte? Ein Gedicht, das ich damals in mein Notizbuch geschrieben habe, drückt es, glaube ich, am besten aus:
Nicht mein Leben
Die Musik in meinem Ohr,
Das Buch in meiner Hand
– Sie sind meine Rettung.
Die andere Hand verkrampft sich an der Haltestange,
Bemüht, das Gleichgewicht nicht zu verlieren.
Dabei habe ich es in meinem Leben schon längst verloren.
Es ist zu voll hier.
Eine Masse wie eine Schafsherde auf dem Weg zum Henker.
Jede:r nur auf sich bedacht.
Jede:r weitere Obdachlose ist nur ein Tropfen auf dem heißen Stein.
Ab-gestumpft.
Gefühls-los.
Mit-leids-los.
Während ich innerlich wild und frei zu der Musik in meinen Ohren tanze,
fällt mein Blick auf die Spiegelung im Fenster der Métro:
Mein Spiegelbild zuckt nicht mal mit der Wimper.
Hält sich schön brav an die Regeln der Gesellschaft.
Bin das noch ich?
Ist das noch mein Leben?


Die Antwort auf diese Frage kannte ich schon, doch ich wollte sie mir nicht eingestehen. So vieles hing davon ab – Job, Liebe, Alltag, ja sogar das Land, indem ich lebte. Lange bevor ich die Erkenntnis hatte, dass
ich nicht einfach nur Hummeln im Hintern hatte und es mich wo anders hintrieb, sondern ich wirklich nicht mehr in diesem Leben leben wollte, hatte ich im Rahmen des eindrucksvollen Theaterprojekts DAU eine Handleserin gefragt, ob ich es schaffen würde, Paris zu verlassen und wo ich landen würde. So sehr machte ich diese persönliche Entscheidung von anderen abhängig, dass ich eine fremde Person anflehte mir zu sagen, dass ich es schaffen würde, Paris zu verlassen.
Dieser Moment ist mittlerweile übrigens mindesten zwei Jahre vorbei.
Und dann hatte ich es einfach GETAN. Natürlich war es nicht so einfach, aber ich hatte aufgehört, nur darüber nachzudenken und war den ersten Schritt gegangen. Ich weiß noch nicht, wo ich nächstes Jahr landen werde (deswegen steht das auch auf meiner Wunschliste für nächstes Jahr), aber ich habe Paris verlassen. Ich zog wieder bei meinen Eltern ein, fand Unterstützung für den Umzug bei meiner Familie und buchte mein Ticket nach Paris. An einem Donnerstag-Abend fuhr ich in mein altes Leben zurück, sah noch einmal den Mann, mit dem ich die letzten siebeneinhalb Jahre verbracht hatte und packte am Freitag all mein Zeugs in Kisten und Kartons. Am nächsten Tag rannte ich morgens auf der Suche nach mehr Kartons (ich bekam welche in einem Supermarkt) noch mal durch die vertrauten Straßen meines Stadtteils und konnte es nicht fassen, dass ich all das wirklich hinter mir ließ.
Am Vormittag kamen dann der Verlobte meiner Cousine und sein Zwillingsbruder mit dem LKW an und gemeinsam mit einem Pariser Freund verluden sie mein Zeugs in das Fahrzeug. Ich lief ein letztes Mal durch die jetzt ungewohnt leere Wohnung, in der ich fünf Jahre gelebt, geliebt und gearbeitet hatte. Hier hatte ich zwei Lockdowns überstanden, einen Jobwechsel hinter mich gebracht und schließlich die Gründung meiner Selbstständigkeit gefeiert. Und jetzt ließ ich dieses Leben hinter mir.
Meine Top 3 Blog-Artikel 2021
2021 war auch das Jahr, in dem ich mit dem Bloggen angefangen habe – und zwar dank dem großartigen #RapidBlogFlow von Judith Peters. Natürlich gehören deswegen meine Fun Facts mit in die Top 3! Dicht gefolgt von meinem kritischen Kommentar zur ersten Runde von „Butler, Butch, Beyoncé“ am Staatstheater Kassel und schließlich einen kreativen Text über den Herbst, den ich in meiner Studi-Zeit damals in Wien verfasst habe. Ich erinnere mich noch, wie ich in dem Park, der vor meinem Studentenheim lag, auf einer Bank unter Bäumen voller gelber Blätter saß und wie ein Blatt nach dem anderen neben mir zu Boden fiel, während ich die Worte damals zu Papier brachte.
Social Media in Zahlen
82
233
0
2022
Meine Ziele für 2022
Für 2022 steht besonders eines auf dem Programm: Herausfinden, wo ich hinziehen möchte. Danach geht es vor allem darum, was ich 2021 angefangen habe, weiter zu machen, zu vertiefen und zu stabilisieren, sprich:
- Meine Selbstständigkeit zum nächsten Level zu bekommen
- Mein erstes Buch veröffentlichen
- Mein Fernstudium richtig angehen
- Zu einer regelmäßigen Bloggerin werden (Ich will vor allem zu feministischen Themen und der Liebe im Kapitalismus arbeiten)
Mein Motto für 2022
Da kommt für mich nur eines in die Tüte, schließlich habe ich sogar auf Spotify schon eine Playlist so benannt: Becoming the f*cking badass bitch I already am!
Und zwar im Privaten und im Beruflichen! Nachdem 2020 mich brutal ausgebremst hat und mich dazu gezwungen hat, ein paar Gänge runter zu schalten, galt es 2021 zu mir zurück zu finden und 2022 wird es darum gehen, mich weiter in die eingeschlagene Richtung zu entwickeln, beruflich und privat darauf zu setzen, dass ich mit mir selber glücklich bin und dabei nebenher die Welt vom Patriarchat, von Sexismus, Kapitalismus, Queer-Feindlichkeit und Diskriminierung befreien – what else? In diesem Sinne würde ich sagen 2022 kann kommen!
Kommentar hinzufügen
Kommentare