
Das Staatstheater Kassel öffnet seine Türen für die queer-feministische Kunst- und Diskursreihe „Butler, Butch, Beyoncé“ und setzt damit den vielversprechenden Anfang einer neuen queer-feministischen Debatte in Kassel. Zu Gast in der ersten Talk-Runde unter der künstlerischen Leitung von Dirk Baumann und mit Moderatorin Laura N. Junghanns: Sophia Stepf vom Theaterkollektiv Flinn Works und die Politikwissenschaftlerin Dr. Dorothee Beck.
Ausgangspunkt der Vorträge und der anschließenden Diskussion ist die Frage nach Frauen in der Politik. Und das bedeutet vor allem eines: die Frage nach der Quote. In Ruanda beträgt diese Quote 62 Prozent. Eine Tatsache, die in Europa undenkbar ist. In einem Europa, indem eine Stadt (sprich: Paris – oder eigentlich dessen Bürgermeisterin Anne Hidalgo) eine Geldbuße von 90.000 Euro zahlen muss, weil im Ministerium für öffentliche Verwaltung die Frauenquote mit 69 Prozent zu hoch ist und daher Männer diskriminiere.
(Dazu nur ein kurzer Einschub aus einer Spiegel-Kolumne von Margarete Stokowski, die es wie immer auf den Punkt bringt: „Wer zu einer Gruppe gehört, die standardmäßig in einer Gesellschaft die Macht hat – und das sind bei uns Weiße, Heterosexuelle, Männer, Menschen ohne Behinderung – kann als diese Gruppe nicht diskriminiert werden. Diskriminierung ist strukturelle Benachteiligung, das heißt, es muss eine (Macht-)Struktur geben, die sie stützt.“ – Das sei jetzt mal so dahingestellt!)
In Ruanda selbst wurde diese Quote nur durch so etwas Entsetzliches wie einen Genozid möglich. So hat es die Theatermacherin Sophia Stepf es sich jedenfalls zusammengereimt und ihre Argumentation klingt schlüssig. (Einen Genozid übrigens, für den die Kolonialisierungsmächte Deutschland und Belgien verantwortlich sind! Mehr dazu hier.)
Um es mit einfachen Worten auf einen schrecklichen Punkt zu bringen: Es waren nicht mehr genügend Männer übrig, um die patriarchalischen Strukturen in der Regierung aufrechtzuerhalten, – wenn sie auch im Privaten nach wie vor fortdauern.
Was bleibt uns Europäer:innen also übrig, um endlich eine Regierung zusammenzustellen, in der alle – auch diskriminierte Minderheiten – repräsentiert werden? Sicherlich kein Genozid! Einen außergewöhnlichen und sicherlich auch verzweifelten Vorschlag hat Dr. Dorothee Beck: Eine Quote für weiße, alte, nicht-behinderte Cis-Männer. Denn diese sind – suprise, suprise – überrepräsentiert in unseren Regierungen. Sie nehmen laut der Politikexpertin ganze Zweidrittel ein. Auf die Nachfrage aus dem Publikum, ob wir wirklich so verzweifelt sind, dass wir diese umgekehrte Quote in Betracht ziehen müssten, antwortet die Regisseurin Sophia Stepf mit einem simplen: „Ich denke schon, dass wir so verzweifelt sind.“ Und damit hat sie Recht (ich weiße erneut auf Anne Hidalgo hin).
Ja, solch eine Quote könnten wir gut gebrauchen, denn mit der berühmt-berüchtigten Frauenquote rennen wir gegenwärtig gegen eine Wand. Schließlich quälen wir uns nach wie vor mit der Frage, ob die Frauenquote tatsächlich sein muss? Vielfach ertönt das Argument, dass man Posten mit den passenden Talenten und nicht nach anderen Kriterien besetzen sollte.
Dieses Argument ist auf zweierlei Weise problematisch: zum einem wird Frauen hier abgesprochen, dass sie qualifiziert genug sind, um als einzige Gruppe in Betracht gezogen zu werden. Gleichzeitig geht diese Begründung davon aus, dass eine qualifizierte Frau auch den Posten bekommt, wenn es einen ebenso qualifizierten Mann als Bewerber gibt. Das dies ohne Frauenquote nicht der Fall ist, muss ich hier hoffentlich niemandem mehr erklären!
Zum anderen berücksichtigt dieses Argument nicht die Tatsache, dass Frauen jahrhundertelang nachgesagt wird, sie könnten keiner beruflichen Tätigkeit nachgehen, weil man(n) es ihnen nicht zutraute. Gefühle – oh ja, darauf verstehen wir uns schon immer, sind in dieser Hinsicht quasi intuitive Expertinnen. Aber logisch denken und „Männerarbeit“ ausrichten? Nein, das konnte man(n) sich einfach nicht vorstellen, dass Frauen dazu in der Lage sein könnten – schließlich ist unser Gehirn zu klein dafür! Und dieses misogyne Vorurteil schwingt noch bis heute in unserer Gesellschaft mit. Man traut Männern mehr zu und Frauen quälen sich mit Selbstzweifeln und dem Impostor-Syndrom.
Doch nicht nur das: Personen (sprich: alte, weiße, Cis-Männer) tendieren dazu, Menschen, die einem ähnlich sind, eher zu vertrauen. Außerdem gilt nach wie vor die Narrative, dass Frauen, die es „nach oben“ schaffen die Ausnahme sind. Diese Frauen sind nicht qualifizierter als andere Frauen, aber sie spielen das Spiel mit und setzen sich deswegen in einer Männerwelt durch. Solche Frauen werden dann mit männlich konnotierten Adjektiven beschrieben und im gleichen Atemzug spricht man ihnen ihre Weiblichkeit ab (s. Angela Merkel).
Wie können wir das ändern? Mehr Solidarität unter Frauen, kommt der Appel (und auch Vorwurf) aus dem Publikum am Ende des Vortrages. Ja, mehr Frauensolidarität ist wünschenswert und nötig. Doch bitte nicht vergessen, dass nicht wir Frauen alleine daran schuld sind, dass es im liberalen Kapitalismus nur die Ausnahmen an die Spitze schaffen. Schließlich wird uns Frauen und Mädchen von klein auf beigebracht, dass für uns nur Eines zählt, um Erfolg zu haben: unser Aussehen. Ich erzähle einer Frau sicher nichts Neues, dass eine ganze Welt zusammenbrechen kann, wenn einer auf der Straße eine Frau begegnet, die man als schöner erachtet als sich selbst. Der erste logische Schritt zu mehr Solidarität unter Frauen (und es ist nur einer von vielen, vielen mehr) muss daher sein, uns nicht mehr über unser Aussehen zu definieren und definieren zu lassen. Nur dann können wir in gegenseitiger Wertschätzung und mit Solidarität etwas bewirken.
Doch egal, was wir Frauen tun, um in dieser heutigen Gesellschaft endlich und wirklich gleichberechtigt zu sein, Publikum und Expertinnen sind sich größtenteils einig: Um wirklich etwas bewegen zu können, braucht es einen Systemwechsel. In diesem Sinne: Nieder mit dem Patriarchat!
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