Der Herbst reicht mir nicht

Veröffentlicht am 15. Oktober 2022 um 14:27

Ich bin mit meinem ganzen Wesen auf den Sommer ausgerichtet. Im Frühling freut sich mein Körper auf ihn, im Winter lechzt er nach dem Sommer. Und im Herbst?

Mit dem Herbst habe ich mich bisher nie wirklich auseinandergesetzt.

Die Jahreszeiten bestanden für mich einfach immer aus Winter & Sommer. Dem Heißen & dem Kalten. Ich fühle nicht warm oder kühl. Ich fühle heiß & kalt.

Ich habe nie das Bedürfnis oder die Notwendigkeit gespürt, über den Herbst nachzudenken. Bis ich danach gefragt wurde. Jemand wies mich darauf hin, dass es einen Herbst gibt.

Und jetzt sitze ich hier – im Herbst. Habe mich auf eine Reise in den Herbst begeben. Sitze in der Sonne, die mir mit ihrer letzten Kraft sanft die Nasenspitze kitzelt. Ich sitze in der Sonne. Unter einer alten Eiche, die ihre letzten Blätter abstreift, die in ihrem Fall meine Schulter sanft streifen. Er fühlt sich sanft und sicher an, dieser Herbst!

Ich sitze im Herbst, atme die gewärmte Luft ein & stelle fest, dass ich ein Verlangen nach mehr in spüre & ich doch auch irgendwie zufrieden bin.

Ich mag ihn, den Herbst. Trotzdem er mir den Winter verkündet, ähnelt er doch mehr dem Sommer. Keine andere Jahreszeit kommt für mich dem Sommer näher. Und dennoch gebe ich mich mit ihm nicht zufrieden, mit dem Herbst. Mein Innerstes klagt an, es schreit, es verlangt nach mehr!

Wenn ich über die Jahreszeiten nachdenke, bringt mich dies früher oder später zurück zum Sommer. Den Sommer mag ich nicht nur. Ich liebe ihn nicht nur, sondern ich brauche ihn, um zu überleben!

Der Sommer ist Leidenschaft, ist Liebe, ist Leben.

Ich trage ihn im Herbst, im Winter und im Frühling in mir. Mit weniger als sommerlicher Leidenschaft gebe ich mich nicht zufrieden. Mit weniger als Sommerliebe gebe ich mich nicht zufrieden. Mit weniger als einem Leben in der Sonne gebe ich mich nicht zufrieden.

Auch, wenn ich den Herbst genieße, bedeutet er mich nicht alles. Ich sitze im Herbst & er fühlt sich gut an & zugleich merke ich, dass er nicht genug ist. Ich bin ein Mensch, der das Leben liebt & es in vollen Zügen genießt. Ich bin ein Mensch der Maxime Doch wer Leben sagt, muss auch Tod sagen! 

Unweigerlich.

So sehr ich mich nach dem Leben sehne, so sehr fürchte ich mich vor dem Ende. In Träumen verfolgt es mich. Mein Ende, das Ende einer Freundschaft, einer Liebe. Das Ende eines geliebten Menschen.

Doch das Ende, der Tod, lehrt uns zu leben. Man muss ihn als Teil des Lebens akzeptieren und nicht als sein Ende betrachten.

Ich koste das Leben in vollen Zügen aus. Bis auf den letzten Schluck leere ich das Glas. Ich stelle mich allen Gefühlen, auch wenn ich lieber vor ihnen davonlaufen würde. Ich stelle mich allen Herausforderungen, allen Wünschen, allen Ängsten. Ich stelle mich dem Leben.

Und so stelle ich mich auch dem Herbst & sage ihm: Du reichst mir nicht! Ich will den Sommer. Dir stelle ich mich, Sommer, denn du könntest der nächste Schluck Leben sein, den ich nehme.

Ich nehme die Angst vor einem möglichen Ende von etwas in Kauf, das gerade erst angefangen hat. Obwohl ich entsetzliche Angst vor einem Ende habe, von dem ich mir geschworen hatte, es nie wieder zu erleben. Doch verschließe ich mich davor, verschließe ich mich vor dem Leben & so auch vor mir.

Ich gebe mich mit dem Herbst nicht zufrieden, denn ich will den Sommer haben.

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