Dieser Brief

Veröffentlicht am 12. Juni 2024 um 14:28

Dieser Brief.

Für dich.

Dieser Brief.

Den ich nie geschrieben habe.

Dieser Brief für dich.

Aus Wien.

Ein Brief für dich aus Wien.

Ein Brief an dich von mir aus Wien, wo ich nun lebe.

Ich.

 

Deine kleine Freundin. Das Kind deiner besten Freundin, das du mit großgezogen hast. Das Kind, dessen Patentante du gerne geworden wärst. Doch wir waren mehr. Wir waren Freundinnen. Du warst eine Mutterfigur für mich, ich eine Tochterfigur für dich.

 

Dieser Brief.

 

Jeden Morgen beim Zähneputzen habe ich ihn geschrieben – in meinem Kopf. An einer Straßenkreuzung auf Grün wartend, feilte ich an seinen Formulierungen. Damals. In Wien. In meinen Gedanken war er bereits zehn Seiten lang. Jeden Abend nahm ich mir vor, diesen Brief am nächsten Morgen aufs Papier zu bringen. Ich hätte ihn schreiben sollen, bevor es zu spät war. Aber ich wusste doch nicht, dass es zu spät sein konnte. Ich war nicht da. Ich war dabei, mein eigenes Leben zu entdecken, eine neue Heimat zu finden. Eine neue Heimat, in der ich meine alte weiterhin im Herzen trage. Wie auch dich. Denn du bist ein Teil dieser alten Heimat. Dennoch, ich war zu beschäftigt: mit mir, meinem neuen Studium und meiner neuen Stadt. Zu beschäftigt mit neuen Freunden, neuem Lebensstil und neuem „Ich“. Dieses neue „Ich“ musste ich noch kennenlernen.

 

Mein erwachsenes „Ich“.

 

Ich entdeckte es, da ich meine Heimat verlassen hatte. Um mich neu zu entdecken, hatte ich das Gewohnte hinter mir lassen müssen. Die körperliche Distanz zu meiner alten Heimat brachte mir eine neue Perspektive auf mein altes Dasein. Ich sah alles mit neuen Augen. Auch dich. Es war, als würde mein erwachsenes „Ich“ dich ganz neu kennenlernen. Mir fiel plötzlich auf, dass es nicht nur meine Geschichte gab. Sondern auch deine Geschichte. Ich kannte dich bereits mein ganzes Leben, doch irgendwie fing ich erst jetzt an, dich kennenzulernen. Du warst immer da gewesen. Ich hatte es nie hinterfragt. Erst jetzt fing ich an, mich zu fragen, wer du denn eigentlich seist. Ich fing an, dich außerhalb des kindlichen Bildes zu suchen, das ich von dir hatte. Wer war diese Person, die mir mein ganzes Leben so nah gewesen war?

 

Die Distanz.

 

Ich brauchte diese neue Distanz, um dich endlich so kennenzulernen, wie du wirklich warst und nicht, wie ich dich sah.

 

Und das ist das wirklich Gemeine.

 

Wir waren gerade dabei, uns neu kennenzulernen. Wir waren dabei, uns erneut anzufreunden. Auf eine andere Art und Weise. Ich war nicht mehr das Kind und du die Erwachsene. Wir waren Gleichberechtigte und ich war dabei, dich und dein Leben richtig kennenzulernen. Und das freute mich so sehr. Ich freute mich darauf, diese neue Beziehung zu dir aufzubauen. Und das wollte ich dir schreiben.

 

In diesem Brief.

 

Ich wollte dir schreiben, wir sehr es mich freute, dich so kennenlernen zu dürfen. Wie sehr ich mich darauf freute, dir als dieses neue „Ich“ eine Freundin zu werden. Wie glücklich ich war, weiterhin ein Teil deines Lebens zu sein.

 

Dies alles wollte ich dir schreiben.

 

Damit du es wüsstest. Damit du dich daran erfreuen könntest. Damit du eine Freude hättest, in diesen schweren Tagen.

 

Für das alles war dieser Brief gedacht.

 

Nicht, um mich von dir zu verabschieden. Daran dachte ich überhaupt nicht. Nein. Er sollte dir zeigen, wie sehr du auf dieser Welt geliebt wirst. Er sollte mich dir näher bringen.

 

Und dann kam diese Nacht.

 

Eine Woche zuvor schreckte ich plötzlich schweißgebadet aus meinem Schlaf und schrie voller Entsetzen deinen Namen aus. Ohne dabei zu wissen, was ich da tat. Und dann kam diese Nacht. Eine Nacht, die ich mit Freunden, Alkohol und Musik verbrachte. Eine Nacht, in der ich zum ersten Mal seit Wochen diesen Brief einfach vergaß. Eine Nacht, die für immer einen Teil meines Lebens verändern sollte. Eine Nacht, in der der Anruf kam.

 

Dieser Anruf.

 

Dieser Anruf meiner Eltern. Dieser Anruf, den ich bis heute nicht begreife. Dieser Anruf machte es mir unwiderruflich klar: Es war zu spät für diesen Brief. Der nur in meinem Kopf lebte. Von dem ich nie auch nur zwei Zeilen niedergeschrieben hatte. Dieser Brief, mein Brief, ich – war zu spät. Es war zu spät und plötzlich war da Reue. Reue, es nicht geschafft zu haben, dir das zu schreiben, was ich dir schon immer sagen wollte. Plötzlich warst du einfach nicht mehr da und ich wollte dir doch noch sagen, wie wichtig du für mich bist. Ich wollte ihn ersetzen. Durch einen anderen Brief. Einen Brief an deine Eltern. Über deinen Tod. Über dein Leben. Vor allem über dein Leben. Dieser Brief, den ich nach deinem Tod an deine Eltern schreiben wollte, auch dieser blieb ungeschrieben. Denn ich fühlte mich hilflos und machtlos und beschissen dem gegenüber, was dir passiert war. Ausgerechnet dir. Ironie des Schicksals.

 

Schließlich bist du damals mein Schutzengel gewesen. Damals. Auf der Beerdigung meines Opas. Der genau an der gleichen beschissenen Krankheit gestorben ist wie du. Er war der erste Verlust meines Lebens. Du die erste Freundin, die ich für immer verlor. Seit Jahren habe ich immer noch dieses Bild von uns vor Augen: ich, als Neunjährige, von all der sie umgebenden Trauer fast erdrückt. Die den Verlust, der ihr widerfahren ist, noch gar nicht begreift. Und dann kamst du. So viel kleiner als die anderen Erwachsenen und mit einem großen Lachen für mich auf deinen Lippen. Trotz all der Trauer. Dieses Lachen ließ ihn mich vergessen. Diesen Schmerz, den ich noch nicht kannte, der aber auf mir lastete. Ich rannte auf dich zu. Unendlich erleichtert, dass du gekommen warst. Ich rannte auf dich zu und stieß ein Lachen aus. Ich lachte so laut ich konnte. Ich lachte die ganze Trauer von mir weg. Denn ich rannte in deine Arme und alles war irgendwie wieder gut für den Augenblick. Es war gut, weil du für mich da warst. Auch wenn mein Opa von mir gegangen war, du warst noch immer für mich da.

 

Dieses Bild.

 

Dieses Bild von dir bleibt in meinem Kopf. Für immer. Du hast mir etwas gezeigt in diesem Moment, an dem ich lachend vor Trauer in deine Arme sprang: Du bist immer für mich da. Und da verstand ich etwas. Etwas Grundlegendes im Leben und im Tod. Menschen, die dich lieben und die du geliebt hast, sind für immer für dich da. Denn sie leben in dir weiter. Und dieser Brief. Dieser Brief, der um Jahre zu spät kommt, er ist für dich. Auf einmal ist er ganz simpel. So simpel. Er lautet:

 

Ich liebe dich. Du fehlst mir. Mehr nicht.

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